Konzept

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Die alte Pfyner Kirche vor 1938

 

Geschichten aus dem Dorf sind eigentlich ein Urschweizer Thema aus der Literatur und der Kunst. Meistens waren es Literaten und Künstler der B-Liga – Johanna Spyri, Zschokke, Anker und ähnliche – die zurückgezogen vom Leben in der Welt und abseits von den grossen Metropolen, das Leben in einer kleinen Gemeinschaft dokumentierten. In den Idyllen und Schäfergeschichten des 18. Jahrhunderts fand die Sehnsucht nach dem einfachen Leben, abseits der grossen Welt ihren Ausdruck und wuchs sich in der Romantik aus zu einem Idealbild des urtümlichen und ursprünglichen Lebens des Menschen. Das Dorf agiert als Projektionsfläche für ein einfaches Leben, nahe der Natur und ohne die Komplikationen einer modernen industrialisierten und technisierten Gesellschaft.

Als Lebens- und Schicksalsgemeinschaft taucht das Dorf symbolisch oder metaphorisch immer wieder auf: die Telenovela, der Bauernschwank, Volksmusik- und Schlageridyllen, Dallas, Denver und Desperate Housewives führen uns das Leben in einer kleinen überschaubaren Gemeinschaft vor, wo es weniger kompliziert wirkt, als in unserem vernetzten «global village».

Geschichten machen den Menschen aus: «Der Mensch aber […] ist das Tier, das Geschichten erzählt», schreibt Graham Swift in seinem Roman «Waterland». Ob als Erzählungen am Lagerfeuer, als Geschichten über die Vorfahren und Ahnen, Gesänge über die Orte an denen Menschen leben, als Sagen, Mythen und Erzählungen überliefert der Mensch Beispielhaftes über das Leben, den Sinn des Daseins und die Erfordernisse des Alltags.

Pfyn ist unser Lebensmittelpunkt. Wir leben in einem Haus im Städtli umgeben von Geschichte. Die römische Mauer des ehemaligen Kastells bildet die Grundfeste des Hauses in dem wir leben. Das Haus, irgendwann zwischen dem Mittelalter und heute entstanden, verändert, umgebaut renoviert, hat seinen eigenen Charme und die Einflüsse der Menschen, die darin gelebt haben sind präsent. Wer waren die Menschen, die vor uns hier gelebt haben? Was hat sie bewegt, wie haben sie gelebt und was war ihnen wichtig? Wir können die Fakten recherchieren, Quellen studieren und Entdeckungen präsentieren, aber eigentlich interessieren wir uns für das Verborgene, das Ungewisse, die Sagen und Erzählungen und das Spekulative. Uns interessieren Fragen nach der Entwicklung und Entstehung des Ortes und seiner Strukturen, wie auch deren Ausdrucksformen in der Gegenwart. Wir sind an diesem Ort gestrandet wie Treibgut; wir leben eine zeitlang und vergehen, der Ort bleibt und unser kurzes Gastspiel kann Einfluss haben. Aber wie tragen wir bei, zu dem Ort, an dem wir leben?

Wenn wir uns mit Geschichte auseinandersetzen, geben wir immer vor, dass es einen Zeitstrahl gebe, mit einem Anfang und einem eventuell gedachten Ende. In diesem Fall setzen wir die Zeit gern absolut. Wir brauchen eine Art von Ordnung für diesen Wust an Ereignissen unserer Vergangenheit. Allerdings kommen wir bereits in Schwierigkeiten, wenn wir mehrere parallel verlaufende Ereignisse erklären wollen, sie in Beziehung zueinander setzen und Ursache und Wirkung darin zu sehen suchen.

zeitgarten.ch ist ein Label. Er ist eine Metapher für ein wachsendes Projekt. zeitgarten.ch ist ein Übertitel für mehrere Projekte die sich aus den Themen Geschichte, Zeit, Garten, Dorf, Mensch und Natur zusammensetzen und entwickeln.
In der ersten Phase eröffnen wir eine Kommunikations- und Sammelstelle für Geschichte und Geschichten von und über den Ort Pfyn und seiner Bewohner. Wir sammeln Bilder, Geschichten, Fotos und Erlebnisse, ordnen und archivieren sie. Uns interessiert das lebendige Jetzt. Wir fragen uns, was von uns und unserer Geschichte, unserer Zeit übrig bleiben wird. Was bedeutet Geschichte in einem Dorf, das weit weg liegt von den Orten in denen Geschichte geschrieben wird? Wir sind daran interessiert, ein lebendiges Projekt ins Leben zu rufen, an dem möglichst viele Menschen beteiligt sind und zu dem möglichst viele Menschen beitragen können.

Wir wollen Geschichte erlebbar machen, als das was sie eigentlich ist: als Geschichten, die sich Menschen über Menschen erzählen.

Das Material soll in der Folge weiter aufgearbeitet werden, um für die Zukunft archiviert werden zu können.
Wir sind gewohnt, einen Grossteil unserer Daten und unserer Kultur elektronisch zu verarbeiten, ohne die begrenzte Haltbarkeit der Daten und der Datenträger zu bedenken. Dokumentationen in Form von Video/DVD oder einer Webseite sind schnell vergänglich und auch Papier ist nur begrenzt haltbar.
Wir wollen dazu anregen über unser Leben und unsere Kultur nachzudenken, und darüber, was wir als wertvoll und erhaltenswert erachten. Das Nachdenken darüber, wie wir unser Leben unseren Nachfahren vermitteln wollen, nötigt uns dazu, einen Schritt beiseite zu treten und uns selbst zu beobachten.
Die Möglichkeiten der Dokumentation des Materials für eine ferne Zukunft sind somit sehr beschränkt. Uns interessiert, was aus dieser Beschränkung möglich wird.